Ankreidung Nr.11

Ich war 16 Jahre alt, als ich mit der Straßenbahn von Eberstadt nach Darmstadt gefahren bin. Es war ziemlich spät und die Bahn war nicht sehr voll. Ich saß alleine im Vierersitz als irgendwann ein Mann auf mich zu kam und gefragt hat, ob der Platz neben mir frei ist, bzw. ob er sich setzen könne. Klar, habe ich das bejaht, obwohl noch ganz viele andere Plätze um uns herum frei waren. Er setzte sich neben mich und schien freundlich, aber ich hatte Kopfhörer in den Ohren und habe weiter aus dem Fenster geschaut. Irgendetwas hatte sich dann ganz komisch angefühlt. Ich wusste nicht genau, was passiert, nur habe ich gemerkt, dass mein Oberschenkel warm wurde. Dann wusste ich es, er hatte angefangen mich anzufassen, an meinem Oberschenkel. Seine Hand konnte ich nicht sehen, er hatte seine Jacke darüber gelegt und ich habe mich nicht getraut, hinzuschauen. Ich musste mit mir kämpfen. Ich hatte mir nach dem ersten Mal, als mir so etwas passiert war (14) fest vorgenommen, dass ich laut werden würden. Ich würde etwas sagen. Aber es ging nicht. Ich war wie festgefroren. Als er seine Hand weiter Richtung Innenseite meines Oberschenkels bewegte bzw. streichelte, bin ich aufgestanden und habe mich umgesetzt. In den Vierer gegenüber. So, dass ich ihn sehen konnte. ich war in dem Moment froh, dass ich es geschafft hatte mich wegzusetzen. Von meinem neuen Platz aus konnte ich ihn dann genau sehen und habe ihn angestarrt. Ich habe mir gewünscht, dass jemand auf mich zukommen würde und fragen würde, was passiert war. Es kam keiner und ich bin dann bei meiner Haltestelle ausgestiegen und habe angefangen zu heulen.

Die Betroffene, die uns die Geschichte geschickt hat, ist ein paar Tage später zur Polizei gegangen. Damals wurde ihr jedoch gesagt, dass die Heag Videoaufzeichnungen nur wenige Tage lang aufbewahrt, bevor diese gelöscht werden. Die Geschichte ist schon älter, die Sachlage kann sich geändert haben (wir werden nachfragen!). Die Geschichte erinnert stark an die Geschichte, die wir zuvor gepostet haben. Es muss das Wissen darüber verbreitet werden, dass solche Geschichten keine Einzelfälle sind! So etwas passiert jeden Tag, oft, überall.
Und was zu der Geschichte auch wichtig zu sagen ist, ist die Rolle die Außenstehende spielen. Es gibt den Bystander-Effekt: sind mehrere Zuschauer anwesend, schwindet die Wahrscheinlichkeit, einzugreifen und zu helfen.
Es ist also wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir nicht aus der Verantwortung gezogen werden können, nur weil andere auch nichts unternehmen.

Passt auf euch und andere auf!

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