Folgen

(Sexuelle) Belästigung kann Spuren hinterlassen, die nicht einfach weggehen. Ein kurzer Moment kann an der/dem Betroffenen haften bleiben. (Sexuelle) Belästigung ist kein Einzelfall. Wir sind Viele und Viele tragen Spuren als Folge!

(Sexuelle) Belästigung ist nicht nur in dem Moment unangenehm und belastet, in dem sie stattfindet. Es ist möglich, dass eine solche Erfahrung kurz- aber auch langfristige Folgen hat. Solche Folgen können auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden.

Ich bin in der ersten Zeit gar nicht mehr alleine laufen gegangen. Mittlerweile kann ich das wieder und ich kann mich auch entspannen dabei, aber ich beobachte meine Umgebung sehr viel genauer und laufe einen anderen Weg, wenn mir jemand oder etwas verdächtig vorkommt.“


Der/Die Betroffene kann Schuld- oder Schamgefühle entwickeln. So kann sich der/die Betroffene die Schuld daran geben, in eine Situation geraten zu sein, die Raum für (sexuelle) Belästigung bietet. Schuldgefühle können aber auch dadurch ausgelöst werden, dass man im Nachhinein anders auf die (sexuelle) Belästigung reagiert hätte. Doch man trägt keine Schuld daran, denn (sexuelle) Belästigung geschieht ohne den Willen der betroffenen Person. Und niemand trägt daran Schuld, wenn er von einer Situation überrascht wird und durch Irritation, Angst oder Unsicherheit nicht so reagiert, wie man es sich selbst gewünscht hätte. Schuldgefühle können auch durch Folgereaktionen auf das Geschehene ausgelöst werden. Darunter fällt zum Beispiel, dass Vertrauenspersonen unangemessen auf die Gefühle der/des Betroffenen reagieren oder, dass die/der Betroffene die (sexuelle) Belästigung nicht zur Anzeige bringt.

Ich ärgere mich bis heute, dass ich nichts gemacht habe.“

3 Jahre lang ging es weiter, bis ich den Mut hatte, es zu melden.“


Schamgefühle haben ebenfalls sehr unterschiedliche Ursachen. Diese können unter anderem sein, dass man Scham darüber verspürt, angefasst oder angesprochen worden zu sein. Was vielleicht sogar als Kompliment gemeint war, ist kein Kompliment! Im Gegenteil, kann sich der/die Betroffene dadurch beleidigt fühlen oder eine kognitive Dissonanz auslösen. Kognitive Dissonanz beschreibt einen Spannungszustand, in dem verschiedene Kognitionen nicht zueinander passen.
So kann eine betroffene Person denken, dass das Gesagte als Kompliment aufgefasst werden müsste, sich dabei aber unwohl mit dem Gesagten fühlen.
Ebenso kann es sein, dass man sich nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor anderen rechtfertigen muss, weshalb man eine bestimmte Situation als (sexuelle) Belästigung versteht.

„Ich habe mich leider nicht getraut, es jemandem zu sagen. Auch meine Freundinnen haben es nicht mitbekommen. Ich hatte Angst, dass man mir nicht glauben würde. Dabei fühlte ich mich unsicher und irgendwie ekelig damit.“


Die Gefühle der Scham und der Schuld sorgen oft dafür, dass sich der/die Betroffene niemandem anvertraut. Das kann wiederum eine enorme Belastung bedeuten, da man das Geschehene mit sich selbst auszumachen versucht. Isolation kann die Folge sein.

„Ich […] leide sehr darunter, dass solche Dinge (Themen) so tabuisiert sind.“

Psychische Erkrankungen wie Depression, Essstörungen oder auch eine Posttraumatische Belastungsstörung sind mögliche schwerwiegende Folgen von Erfahrungen (sexueller) Belästigung. Nicht nur Bodyshaming zu erfahren, kann das Selbstwertgefühl angreifen. Auch die einmalige (oder ständige) Erfahrung, auf den eigenen Körper reduziert zu werden, kann entwürdigend wirken.

„[…] Ich hatte schon damals ein gestörtes Essverhalten, aber nachdem mir das passierte, wurde es noch schlimmer mit meiner Essstörung. Ich dachte wirklich, dass mein Po fett sei und ich abnehmen müsse. Ich wollte nicht, dass fremde Männer/Jungen mich einfach so anschauten, als sei ich nur ein Objekt.“

„Ich hatte einige Jahre Flashbacks und konnte nicht bei meinem späteren Partner übernachten.“

„Ich hatte einfach Angst und das hat mich über die Jahre paralysiert.“

Der Alltag kann durch so eine Erfahrung nachhaltig beeinträchtigt werden. Das müssen keine psychischen Erkrankungen als Folgeerscheinung sein, sondern kann sich ebenso in größeren oder kleineren Veränderungen im Alltag äußern. So kann sich Vermeidungsverhalten darin äußern, dass der/die Betroffene bestimmte Orte meidet, die ihn/sie an das Geschehene erinnern oder in der Meidung des Kontaktes zu einer bestimmten Personengruppe.

„Ich habe dann erst einmal nicht mehr dort arbeiten können.“

„Ich habe mir dann eine andere Kneipe gesucht.“

Auch durch Sicherheitsverhalten kann sich eine Verhaltensanpassung äußern. Indem man keine Musik mehr hört, wenn man alleine unterwegs ist, um die Umgebung besser wahrnehmen zu können, schafft man ein Gefühl der Kontrolle über die Situation. Ebenso das Wechseln auf die andere Straßenseite oder die Mitnahme von Pfeffer-Spray können Verhaltensänderungen sein. Wenn plötzlich darauf geachtet wird, vor der Dunkelheit zu Hause zu sein oder mit jemanden zu telefonieren, um sich subjektiv nicht allzu alleine zu fühlen, sind Beeinträchtigungen des Lebens und typische Folgen (sexueller) Belästigung.

[…] Es hat mich auf jeden Fall verändert. Ich höre keine Musik mehr, wenn es dunkel wird und schau mich immer ganz genau um“.

„Meine Brust schmerzte noch Stunden nach dem Vorfall. Danach bin ich dorthin nie wieder gegangen, auch als meine Freunde immer wieder dorthin wollten.“

Ängste und Sorgen gehen oft nicht einfach weg! Erfahrungen, die man einmal gemacht hat, bleiben und die Entscheidung, was für Folgen das hat, liegt weder bei dem/der Täter/in, noch bei dem/der Betroffenen.

„In der Nacht (habe ich) geträumt, dass er durch meine Haustür kommt und bin schweißgebadet aufgewacht.“

„Der Gedanke, dass alles hätte anders laufen können, verfolgt mich bis heute.“

Lesen Sie auch:

Quellen:
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/sexuelle-belaestigung/sexuelle-belaestigung/80644
http://www.frauennotruf-hamburg.de/wp-content/uploads/Hintergrund_Arbeitsplatz.pdf
https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/folgen-200.html
https://www.uni-hamburg.de/campuscenter/beratung/beratungsangebote/beratung-sexuelle-diskriminierung-und-gewalt/wasist.html

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