Verantwortungszuschreibung

Warum wird Betroffenen von (sexueller) Belästigung, Gewalt oder Vergewaltigung in der Öffentlichkeit häufig die Schuld gegeben? Sätze wie „Sie hat es doch gewollt“, „Selbst Schuld, wenn man sich so freizügig anzieht“ und „Sie hat  nicht Nein gesagt“ sind allgemein bekannt. Diese Sätze werden oft (vor allem) zur Beurteilung von Vergewaltigungsopfern verwendet.

Menschen versuchen die Dinge, die sie in ihrer Umwelt wahrnehmen, zu verstehen und zu erklären. Besonders im sozialen Umfeld sucht man nach den Ursachen für das Verhalten eines Mitmenschen. Allerdings sind die wahrgenommenen Informationen oftmals nicht ausreichend, um alle Faktoren, die eine Handlung beeinflussen, zu kennen und es gibt mehrere Einflussfaktoren, die die Verantwortungszuschreibung (unbewusst) beeinflussen.

Vergewaltigungsmythen

„Vergewaltigungsmythen sind deskriptive oder präskriptive Überzeugungen über Vergewaltigung (d.h. über Ursachen, Kontext, Folgen, Täter, Opfer und deren Interaktion), die dazu dienen, sexuelle Gewalt von Männern gegen Frauen zu leugnen, zu verharmlosen oder zu rechtfertigen.“ (Bohner, 1996, S.12) Vergewaltigungsmythen beziehen sich meistens auf das Opfer, wie zum Beispiel, Frauen meinen Ja, wenn sie Nein sagen. Sie können sich aber auch auf den Täter beziehen, indem sie zum Beispiel sagen, ein Mann kann seinen Sexualtrieb nicht kontrollieren und ist deshalb auch nicht schuldfähig.

Menschen, mit einer höheren Vergewaltigungsmythenakzeptanz sehen die Verantwortung eher beim Opfer und weniger beim Täter. Außerdem definieren diese Menschen eine Situation seltener als eine klare Vergewaltigung. Männer stimmen Vergewaltigungsmythen häufiger zu als Frauen. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass Frauen sich eher als potenzielle Opfer wahrnehmen und vorbeugen möchten, dass man ihnen die Schuld geben würde. (Bohner, 1996)

Der Glaube an eine gerechte Welt

Der Glaube an eine gerechte Welt beschreibt, dass jeder bekommt, was er verdient. Je nach den Werten, die in einer Gesellschaft vertreten werden, sind andere Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen gemeint. Der Grundgedanke ist, dass wir in einer geordneten Welt leben, welche wir kontrollieren können. (Werth und Meyer, 2008)

Je stärker der Glaube an eine gerechte Welt ist, umso eher gibt man dem Opfer die Schuld an den Geschehnissen. Bei diesem Phänomen neigen eher Frauen dazu, dem Opfer die Schuld zu geben. Sie sehen sich selbst als potenzielle Opfer einer Vergewaltigung und wollen deshalb nicht, dass nur Glück und Zufall entscheiden, ob man ein Opfer wird. Sie glauben, die Opfer haben die Vergewaltigung aufgrund ihres Verhaltens (beispielsweise nachts alleine durch eine dunkle Gasse zu laufen) oder ihres Charakters (beispielsweise frech) verdient. Verhalten sie sich also gemäß den in der Gesellschaft vertretenen Werten, kann ihnen nichts passieren. Um zu erklären, warum ein Opfer die Vergewaltigung verdient hat, werden oft Vergewaltigungsmythen verwendet. (Strömwall, Alfredsson & Landström, 2013)

Defensive Attribution

Defensiv beschreibt eine verteidigende Haltung und dementsprechend werden defensive Attributionen vorgenommen, um sich zu schützen. „Solche defensiven Attributionen sind Erklärungen für Verhalten, die der Vermeidung von Gefühlen dienen, dass wir verletzlich oder sterblich sind.“ (Werth und Mayer, 2008, S. 198) Bei vielen Ähnlichkeiten (Alter, Aussehen, Charakter, Herkunft,…) mit dem Opfer wird diesem weniger Verantwortung zugeschrieben, weil die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, auch in diese Situation zu kommen, größer eingeschätzt wird. Sollte dies der Fall sein, soll die eigene Beschuldigung vermieden werden. (Grubb und Harrower, 2009; Shaver, 1970)

Die drei erläuterten Einflussfaktoren stellen natürlich nur einen Teil der menschlichen Ursachenwahrnehmung dar. Dennoch können sie helfen, die Urteile anderer besser zu verstehen und bieten somit einen Ansatz zur Aufklärung. Entsteht ein Bewusstsein für die inneren Prozesse bei der Verantwortungszuschreibung, kann man diesen entgegenwirken. Betroffene haben niemals die Schuld an dem, was ihnen widerfahren ist und sie haben es nicht verdient, Vorwürfe von Mitmenschen zu bekommen!

Quellen:
Bohner, G. (1996). Vergewaltigungsmythen: Sozialpsychologische Untersuchungen über täterentlastende und opferfeindliche Überzeugnungen im Bereich sexueller Gewalt. Landau: Empirische Pädagogik.

Grubb, A.R. & Harrower, J.A. (2009). Understanding attribution of blame in cases of rape: An analysis of participant gender, type of rape and perceive similarity to the victim. Journal of Sexual Aggression, 15(1), 63-81.

Shaver, K.G. (1970). Defensive attribution: Effects of severity and relevance on the responsibility assigned for an accident. Journal of Personality and Social Psychology, 14(2), 101-113.

Strömwall, L.A., Alfredsson, H. & Landström, S. (2013). Blame attributions and rape: Effects of belief in a just world ans relationship level. Legal and Criminological Psychology, 18(2), 254-261.

%d Bloggern gefällt das: